Die Zeit der Einzelkämpfer ist vorbei.

von Alexander Pfeifer Mittwoch, 20. Mai 2015 Sportpsychologie am Punkt. 0 Kommentare

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"Etwas Neues in sämtlichen Disziplinen kann nur noch durch konstruktives Zusammenwirken von Forschern und Entwicklern aus unterschiedlichen Disziplinen mit unterschiedlichen Expertisen entstehen. Was ein Einzelner in seinem Bereich zu leisten vermag, haben wir uns im Rahmen unserer bisherigen, vom Wettbewerb geprägten Leistungsgesellschaft hinlänglich bewiesen.", so der Neurobiologe Gerald Hüther. Die letzten Versuche menschliche Höchstleistungen auszureizen und diese als das (hauptsächliche) Werk eines Einzelnen darzustellen wirken mehr und mehr übertrieben und regen vermehrt Widerstand bei den Beobachtern. Trotzdem Respekt vor Leistungen wie jene von Felix Baumgartner.

"In Zukunft geht es um die Entfaltung derjenigen Potenziale, die in menschlichen Gemeinschaften angelegt sind und die nur durch das freiwillige, selbstbestimmte, offene und erst durch das konstruktive Zusammenwirken von ausgebildeten Spezialisten und Experten zur Entfaltung kommen können.", so meint Hüther weiter.

Er spricht von "Potenzialentfaltungsgemeinschaften". Was für ein treffendes Wort!

"In den letzten 30 Jahren war der Individualismus enorm auf dem Vormarsch, genau wie die Überzeugung, für den Einzelnen sei es richtig, im Vergleich zu anderen möglichst erfolgreich zu sein. Viele hat das dazu gebracht, in den anderen eher eine Bedrohung zu sehen und nicht einen möglichen Rückhalt", meint der Wirtschaftswissenschafter Richard Layard im Gespräch mit dem Dalai Lama. Die Überschrift seines Aufsatzes: Die Ökonmie des Glücks.

Potentialentaltungsmeinschaften scheinen in ähnlicher Weise organisiert zu sein und auf ähnliche Weise zu funktionieren, wie unser menschliches Gehirn. Der "Teamgeist" einer erfolgreichen Sportmannschaft könnte auf diese Art erklärt werden, meint der Neurobiologe Hüther.

Auch die Leistungsfähigkeit des Gehirns wird von der Qualität und der Intensität der Verknüpfungen bestimmt

und nicht von der Anzahl der Nervenzellen. "Aufrechterhalten können Nervenzelle ihre vielfältigen, komplexen Verknüpfungen mit anderen Nervenzellen nur so lange, wie diese Verbindungen auch immer wieder benutzt, aktiviert und auf diese Weise stabilisiert werden", so Hüther.

Weitergedacht und auf den (Team)-Sport bezogen, sollten wir die Potenziale aller Teammitglieder - inklusive der Betreuer - und die komplexen Beziehungen zwischen ihnen ausbilden, entfalten, entstehen lassen.

Am besten ohne Druck und existenzieller Bedrohung, da ansonsten das "Überleben" einer Mannschaft nur aufgrund der Rückgriffe auf einfache Beziehungsmuster gewährleistet werden kann. Notgemeinschaften, soziale Systeme mit festen kollektiven Vorstellungen oder Ideologien funktionieren z.B. nur deswegen, weil die Mitglieder aufgrund eines Zieles erst zueinander gefunden haben. Es werden nur jene Beziehungen verstärkt, die dem Ziel dienen.

Kreativität und Komplexität bleiben auf der Strecke. Wenn das Ziel solcher Zweckgemeinschaften erreicht ist zerfallen diese meist sehr rasch.

"Wenn es einer Gemeinschaft oder einem Gehirn gelingen soll, dass jedes einzelne Mitglied das in ihm angelegte Potenzial optimal zur Entfaltung bringen kann, so müsste das Zusammenwirken der vielen Einzelnen also weder durch Druck ("wir müssen zusammenhalten, um Bestehen zu können") noch durch Zug ("wir sollten zusammenarbeiten, um unser Ziel zu erreichen) organisiert werden. Es müsst sich freiwillig herausbilden. Weil die Mitglieder herausfinden und erproben wollen, wozu sie als Einzelne und sie alle als Gemeinschaft tatsächlich befähigt sind. Eine solche Gemeinschaft wäre dann eine Potenzialentfaltungsgemeinschaft", schreibt Gerald Hüther und abschließend noch:

"Solche Gemeinschaften würden sich dann auch an all jene Aufgaben heranwagen, die nur in einer gemeinsamen Anstrengung und mit dem Gefühl von Freude und Leichtigkeit und der dadurch freigesetzten Kreativität lösbar sind."

Der Schlüssel der Zukunft

"Mindestens so wichtig, wie der Fortschritt der Technologie sind die Modalitäten, in denen Menschen miteinander kommunizieren, ihre mentalen und psychologischen Fähigkeiten entwickeln, ihre Organisationen gestalten und ihre Lernprozesse organisieren." (Matthias Horx, Zukunftsforscher 2015)

Die Zeit ist gekommen, in der wir uns um den "Geist" einer Mannschaft, einer Gemeinschaft, der Gesellschaft kümmern werden. Wir lernen, wenn uns etwas begeistert. Selber weiterkommen. Und den anderen auf der Reise mitnehmen. Das Sport-Team der Zukunft wird Meister in Empathie und Höchstleister im Umgang miteinander sein. Die Fußballweltmeistermannschaft 2026 wird das Leitbild haben: Unterschiede zulassen - Humor zeigen - Empathie leben.

MMag. Alexander Pfeifer, Sportpsychologe und Sportwissenschafter.


Literatur:

Layard, Richard. Die Ökonmie des Glücks. In: Mitgefühl in der Wirtschaft. 2015.

Hüther, Gerald. Die neue Lust am Denken. Youtube 2015.

Horx. Matthias. Das Megatrend Prinzip. 2014.