Ich schreib´ mir die Welt, widewide wie sie mir gefällt.

von Alexander Pfeifer Dienstag, 28. April 2020 Sportpsychologie am Punkt. 0 Kommentare

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Ich mach mir die Welt, widewide wie sie mir gefällt. (Pippi Langstrumpf)

„Sind Geisterspiele im Fußball überhaupt sinnvoll? Sie dienen eigentlich sonst als Strafe.“

Zu dieser Frage wollte Mitte März 2020 ein Journalist einer österreichischen Tageszeitung meine Meinung als Sportpsychologe wissen.

Ich versetzte mich kurz in die Lage eines Profifußballers. Ich kenne einige und deren professionelle Einstellung zu ihrer Sportart. Ohne einen Spieler zu befragen, versuchte ich mich im Antworten und schickte dem Journalisten Folgendes per Mail:

„Ob sinnvoll oder nicht, es geht um das „Spiel Fußball“. Jeder Profispieler hat als kleiner Bub mit dem Fußballspielen begonnen und das mit Hingabe, egal, ob jemand zugeschaut hat oder nicht. Sie spielen hoffentlich immer noch – und das glaube ich – hauptsächlich deswegen, weil es ihre Leidenschaft ist.“

„Wie wirkt sich diese Leere auf die Spieler aus?“

Ich bot ihm eine Gegenfrage an: „Wie viele AthletInnen aus Randsportarten müssen (nahezu) ohne Publikum auskommen?“ Die Denkrichtung seines Artikels konnte ich weiter erahnen und wollte ihm mit "Kaffeesudlesen" über das mentale Empfinden eines Fußballprofis in solch einer Situation nicht dienen.

Sein Artikel erschien am nächsten Tag unter dem Titel:

„Die Stille auf dem Fußballplatz.“

Als ich ihn las, war mir schnell klar, warum er meine Gedanken nicht in den Text einfließen ließ – ich hatte schon öfter diese Art von Kontakt mit Journalisten im Sinne von: „Ich hab meinen Text und Überschrift schon, jetzt brauch ich noch einen Experten, den ich dazu passend zitieren kann.“ Den Gefallen tat ich ihm offensichtlich nicht, denn ich wurde nicht zitiert.

„Geisterspiele sind Strafen und keine Lösung.“

Na bumm.

Ich habe gerade ein Interview mit der österreichischen Siebenkämpferin Verena Preiner gelesen. Sie gewann bei der letzten Leichtathletik WM in Doha die Bronze-Medaille. Als erste Österreicherin in der Geschichte. Ihre Meinung zur Aussage Geisterspiele als Strafe zu sehen, würde mich interessieren. Preiner trainiert im Schnitt sechs Stunden pro Tag und nimmt wahrscheinlich oft an sehr wenig besuchten Wettkämpfen teil. Ihre Aussage im Interview: "Ich betreibe Leichtathletik nicht des Geldes wegen", passt zum Los vieler RandsportlerInnen.

„Für Stars wie Neymar, die im Champions-League-Spiel durch den leeren Pariser Prinzenpark liefen, muss es beklemmend sein, wenn ihre Tore ohne Jubel untergehen.“

Armer Neymar. Wenn man sich das durchliest. Aber bevor ich diese Worte wähle, würd ich den Spieler fragen, ob er die Beklemmung tatsächlich so gespürt hat. Das kommt davon, wenn man die Überschrift vor der Recherche schreibt. Ich mach mir die Welt...

Irritiert hat mich der Abschluss des Artikels:

„Sportevents ohne Fans zeigen bloß irritierende Bilder, Atmosphäre und Emotion sind nicht zu ersetzen. Der Mensch erkennt sein höchstes Gut immer erst dann, wenn er es nicht mehr hat.“

Ja, jetzt les ich doch im Kaffeesud. Das Bild vom verwöhnten Superstar, den die Zuschauermassen beflügeln - das ist ganz klar - ist vielleicht vermehrt entstanden. Performen SportlerInnen nur dann gut, wenn sie richtig viel Geld dafür bekommen und ihr Selbstbild nur über möglichst viele Live-Zuseher gestärkt wird? Vielleicht kommt nun die Chance, das Gegenteil herauszufinden. Die Stille auf dem Platz, als Chance, zum Wesentlichen zu kommen. Der Freude am Spiel.

Die Meinung des Journalisten nach dem "höchsten Gut" hat sich vielleicht heute schon geändert.

Ich schreib´ mir die Welt, widewide wie sie mir gefällt. Denken wir weiter.

Alex Pfeifer; Sportpsychologe im Leistungssport.

"Die Stille auf dem Fußballplatz."(Die Presse, 13.3.2020)

"Durch Fans zur Medaille." (Visa Complete Magazin, Nr. 1 2020)